Aktuelle Übersicht und Ausblick auf den Komponentenmarkt
Die Situation auf dem Materialmarkt in den ersten Monaten des Jahres 2026 war von hoher Dynamik geprägt. Die jüngsten Entwicklungen wurden hauptsächlich durch zunehmende geopolitische Spannungen (wobei der Fall Nexperia ein reales Beispiel dafür ist, wie weitreichend die Folgen sein können), steigende Rohstoffpreise (vor allem Industriemetalle) sowie die sprunghaft angestiegene Nachfrage nach KI-Hardware (im Bereich Rechenzentren) vorangetrieben. Die schrittweise Verlängerung der Lieferzeiten (Lead Times) in vielen Komponentenkategorien steht im Zusammenhang mit:
- Erschöpften Materialbeständen (und leeren Lagern) auf Distributions- und Komponentenebene nach der post-pandemischen Marktabkühlung.
- Steigender Nachfrage (große europäische Komponentendistributoren verzeichnen eine Book-to-Bill-Rate von über 1, nach etwa zehn bis zwölf aufeinanderfolgenden Quartalen mit Werten unter 1).
- Auftragsfertigern (Foundries wie TSMC), die den Großteil ihrer Ressourcen für KI-bezogene Chips reservieren, unter anderem für Nvidia.
Dieser Trend setzt sich fort. Die Materialmärkte werden im Jahr 2026 deutlich längere Lieferzeiten im Vergleich zu 2025 sowie einen spürbaren Preisdruck aufgrund steigender Nachfrage und Kosten verzeichnen.
Wirtschaftlicher Ausblick
Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert für 2026 stabile globale Wirtschaftsaussichten, die den Prognosen von Anfang 2025 ähneln. Obwohl die Erwartungen für 2025 niedriger waren, fielen die endgültigen Ergebnisse Ende letzten Jahres positiver aus als angenommen. Basierend auf den IWF-Prognosen sind die Erwartungen für 2026 ähnlich – es zeigen sich positive und stabile Signale.
Andererseits berichtete das Weltwirtschaftsforum im September 2025, dass 72 % der befragten Chefökonomen eine Abschwächung der Weltwirtschaft im Jahr 2026 erwarten, begleitet von stark spürbaren Handelsstörungen und umfassenderen systemischen Veränderungen.
Die Inflationsraten sind gesunken und haben sich stabilisiert, was in den letzten Monaten zu weiteren Zinssenkungen geführt hat. Dieser Trend wird sich 2026 in den USA voraussichtlich mit weiteren Senkungen fortsetzen, während in der Eurozone eine moderate Stabilität erwartet wird.
Geopolitische Spannungen
In inoffiziellen Gesprächen innerhalb des Distributionsnetzwerks mehren sich die Stimmen über eine bevorstehende Allokation auf dem Materialmarkt. Basierend auf den aktuellen Daten und Fundamentaldaten schätzen wir die Wahrscheinlichkeit hierfür derzeit nicht als hoch ein. Wir sehen jedoch ein erhöhtes Risiko für einen potenziellen „Schwarzen Schwan“, der durch geopolitische Spannungen ausgelöst werden könnte – ein unvorhersehbares, plötzliches Ereignis, das das normale Funktionieren des Marktes stark beeinträchtigen und von heute auf morgen zu schwerwiegenden Störungen führen kann.
Die geopolitischen Spannungen nehmen an Fahrt auf, und die globalen systemischen Veränderungen scheinen unumkehrbar. Ereignisse wie US-Zölle, Bombardierungen im Iran, die Entführung des venezolanischen Präsidenten, Drohungen gegen Taiwan oder Grönland sowie der Fall Nexperia deuten klar auf ein steigendes Konfliktrisiko hin. Eines dieser zukünftigen Ereignisse könnte einen „Schwarzer Schwan“-Effekt und infolgedessen sehr schwere Unterbrechungen der Lieferkette verursachen. Der World Uncertainty Index verbleibt auf einem nahezu rekordverdächtigen Niveau und ist in der zweiten Jahreshälfte 2025 deutlich gestiegen.
Volatilität der Lieferketten
Blickt man auf den globalen Volatilitätsindex der Lieferketten (GEP Global Supply Chain Volatility Index*) lässt sich feststellen, dass wir uns global gesehen weiterhin in einem Umfeld leicht unterausgelasteter Produktionskapazitäten bewegen, wobei Europa und Asien eine höhere Kapazitätsauslastung aufweisen als Mitte 2025. Analysiert man diesen Trend, ist er positiv – er signalisiert eine steigende Nachfrage und einen Gleichgewichtszustand. Es ist jedoch zu beachten, dass der GEP die globalen Lieferketten insgesamt bewertet, d. h. in einem viel breiteren Kontext als nur die Elektronik.
Markt für elektronische Bauteile
Betrachtet man die Elektronikbranche im Detail, liefern die wichtigsten Berichte ein etwas gemischtes Bild.
Einerseits scheint der Trend basierend auf dem Dezember-Bericht des Verbandes ECIA mit dem übereinzustimmen, was wir Mitte letzten Jahres berichtet haben: Die Mehrheit der Marktteilnehmer signalisiert länger werdende Lieferzeiten. Im Dezember-Bericht heißt es: „Der Druck auf die Lieferzeiten (Lead Times) wächst in allen drei Hauptsegmenten der Komponenten weiter an. Insgesamt berichteten 33 % der Umfrageteilnehmer im Dezember über einen steigenden Druck auf die Lieferzeiten, verglichen mit 21 % im November. Verkürzungen der Termine werden fast gar nicht verzeichnet. Es überrascht nicht, dass der Anteil der Meldungen über längere Lieferzeiten in den Kategorien DRAM und NAND Flash mit bis zu 80 % besonders hoch ist. In den übrigen Halbleiterkategorien schwanken die Meldungen über steigende Lieferzeiten zwischen 44 % und 58 % – dieses Phänomen ist bereits aktuell in den Marktdaten sichtbar.“
Die ECIA berichtet zudem von einem positiven Trend hinsichtlich des allgemeinen Marktzustands: Über 70 % der Teilnehmer prognostizieren ein positives Umsatzwachstum im ersten Quartal 2026.
Der jüngste Bericht von SupplyFrame Commodity IQ steht gewissermaßen im Widerspruch zur ECIA und bezieht sich auf den sogenannten „Zollwellen-Effekt“. Dieser bestand in einer Stimulierung der hohen Nachfrage Mitte 2025 (verbunden mit längeren Lieferzeiten und Bestandsverknappung), gefolgt von einem Rückgang in der zweiten Jahreshälfte in Verbindung mit einer Normalisierung der Termine und verbesserter Verfügbarkeit. Es ist erwähnenswert, dass die SupplyFrame-Daten keine KI-bezogenen Chips enthalten.
Bei der Marktanalyse und den Gesprächen mit dem Distributionsnetzwerk beobachten wir folgende Punkte:
Erschöpfte Materialbestände
Während des post-pandemischen Booms verfügten sowohl Hersteller als auch Distributoren über erhebliche Bestände an Endprodukten (oder Halbfabrikaten). Dies ermöglichte es, die Lieferzeit für einen Großteil der Komponenten auf ca. 6–8 Wochen zu verkürzen. Nachdem diese Bestände abverkauft wurden, kehrten die Lieferzeiten natürlicherweise auf ein durchschnittliches Niveau von 18–22 Wochen zurück.
Steigende Nachfrage
In den letzten Monaten verzeichneten globale Distributoren in Europa positive Book-to-Bill-Indizes (über 1), was eine deutliche Wende nach etwa 2–3 Jahren darstellt. Die Haupttreiber der Nachfrage sind Asien und die USA, aber auch Signale aus Europa deuten auf eine stärkere Dynamik hin.
Produktionsressourcen für KI-Chips
Viele Firmen lagern die Produktion an Foundries aus, allen voran TMSC, das derzeit den Großteil seiner Ressourcen für Nvidia reserviert. Samsung und Micron wiederum verwenden Berichten zufolge etwa 95 % ihrer Kapazitäten für HBM-Speicher (High Bandwidth Memory). Im November 2025 deklarierte allein Nvidia offene Aufträge für 2026 in Höhe von 500 Mrd. USD. Dies bedeutet, dass Foundries wie TSMC voraussichtlich keine zusätzliche Nachfrage nach Industrie-Chips annehmen können, bis neue Kapazitäten geschaffen sind.
Nexperia: Konsequenzen für Alternativhersteller
Geopolitische Spannungen verursachten Panik am Markt und eine sofortige Allokation, als China die weltweiten Lieferungen von Nexperia-Teilen (aus chinesischen Werken) stoppte. Während sich die Lage stabilisiert und Nexperia die Produktion aus China verlagert, sind Marktteilnehmer massiv auf Ersatzprodukte ausgewichen. Dieser Ansturm hat die Lieferzeiten bei Herstellern wie ONsemi oder Infineon drastisch verlängert (bei ONsemi teilweise bis zu 40 Wochen).
Preise
Vollkommen im Einklang mit den Analysen von ECIA sowie Supplyframe Commodity IQ stehen die Prognosen für Preiserhöhungen im Jahr 2026, insbesondere in den Kategorien Halbleiter und passive Bauelemente. Davon ausgenommen sind lediglich das marktbestimmende Segment der KI-Grafikprozessoren (GPUs) sowie HBM-Speicher. Diese Prognosen decken sich mit unseren eigenen Beobachtungen.
Erwartete Preiserhöhungen
Wie zu Beginn eines Kalenderjahres üblich, erwarten wir im Laufe des ersten Quartals neue Preislisten der Hersteller. Erste Signale liegen uns bereits vor, wobei das Aufkommen solcher Informationen bisher deutlich höher ist als zu Beginn des Vorjahres; die Preisanpassungen können dabei bis zu 30 % erreichen. Die Hauptursachen für diese Steigerungen sind die wachsende Nachfrage, der Abbau von Lagerbeständen, der erhebliche Preisanstieg bei Industriemetallen sowie instabile Lieferketten bei Seltenen Erden, die primär durch geopolitische Spannungen getrieben werden. Wir rechnen über das gesamte erste Quartal hinweg mit weiteren Preismeldungen.
Rohstoffpreise
- Silber: +100 % seit Mai (Rekordhoch über 80 USD).
- Kupfer: ca. 13.000 USD/Tonne (+30 % in 6 Monaten).
- Gold: Nahe Rekordhoch bei 4.500 USD (+30 % in 6 Monaten).
- Zinn: ca. 44.375 USD (+30 % in 6 Monaten).
Leiterplatte
Die Hersteller von Leiterplatten haben bereits im dritten Quartal 2025 damit begonnen, Preiserhöhungen zu kommunizieren. Wir prognostizieren, że dieser Trend im Jahr 2026 nicht nachlassen, sondern zu weiteren Steigerungen führen wird.
Diese Situation resultiert primär aus den hohen Börsenpreisen für Gold, Kupfer und Silber, aber auch aus der durch die KI-Entwicklung massiv getriebenen Nachfrage nach Leiterplatten für den Server- und Rechenzentrumsmarkt. Uns liegen eindeutige Mitteilungen vor, dass die Gesamtkosten für Leiterplatten gestiegen sind und die Fabriken keine Spielräume mehr haben, um diese Kosten abzufedern.
Nach Informationen eines globalen Distributors verändert sich der Markt für Leiterplatten grundlegend; ein Großteil der Fabriken arbeitet nahezu an der Kapazitätsgrenze. In Verbindung mit der steigenden Nachfrage nach High-End-Laminaten wird dies unweigerlich zu einer Verlängerung der Lead Times für PCB-Produkte führen.
Fracht
Laut dem Freightos Balic Index (FBX) sind die weltweiten Preise in der Luft- und Containerfracht seit unserem letzten Lieferketten-Bericht relativ stabil geblieben. Der Rohölpreis verharrt auf einem niedrigen Niveau, was sich positiv auf die Raten auswirkt. Es ist nicht auszuschließen, dass sich die Notierungen für fossile Rohstoffe langfristig umkehren, doch zum jetzigen Zeitpunkt sind keine starken Schwankungen abzusehen.
Ausblick für das zweite Halbjahr 2026
Wie oben erwähnt, beobachten wir einen deutlichen negativen Trend im Bereich der Lieferzeiten (Lead Times), die sich bei wiederkehrenden Bestellungen verlängern. Dies konnten wir bereits im dritten Quartal 2025 sowie zum Ende des vergangenen Jahres feststellen. Die Pufferbestände am sogenannten freien Markt (Open Market) sind erheblich geschrumpft. Daraus ergibt sich die klare Notwendigkeit, die bisherigen Beschaffungshorizonte anzupassen.
Das absolut gefährlichste Phänomen ist das Risiko zunehmender geopolitischer Spannungen. Dies stellt ein erhöhtes Risiko für das im Text erwähnte ‚Black Swan‘-Ereignis sowie für eine strikte Warenallokation (Hard Allocation) dar. In den kommenden Monaten wird eine schnelle Reaktion auf die sich ändernden Marktbedingungen entscheidend sein – insbesondere im Hinblick auf die Verfügbarkeit von Komponenten, den Preisdruck durch steigende Rohstoffkosten sowie mögliche Zollanpassungen.
*The GEP Global Supply Chain Volatility Index, an indicator that focuses on the level of activity across the global supply chains, suggests an increase of activity across the global supply chains. The data is collected based on a monthly survey of 27,000 businesses and tracks shortages, transportation costs, inventories, backlogs and demand.
Qellen
https://fred.stlouisfed.org/series/WUIGLOBALWEIGHTAVG
https://www.ecianow.org/ecst-monthly-survey-summary-public
https://terminal.freightos.com/freightos-baltic-index-global-container-pricing-index/
https://terminal.freightos.com/freightos-baltic-index-global-container-pricing-index/







